„Fukushima ist überall – AKWs jetzt abschalten“

Mit einer Mahnwache und Kundgebung auf dem Alten Markt in Euskirchen haben AtomkraftgegnerInnen am Samstag, 11.02.2012, trotz eisiger Kälte an die seit elf Monaten andauernde Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima erinnert und gleichzeitig gegen den Weiterbetrieb von neun Atomkraftwerken in Deutschland demonstriert. In bundesweit 151 Orten hat es ähnliche Aktionen unter dem Motto „Fukushima ist überall – AKWs jetzt abschalten“ gegeben. . . .

Während die Kundgebung mit knapp 30 TeilnehmerInnen spontan in einer sonnigen Ecke des Alten Markts stattfand, wirkte der (leider schattige) Info-Stand während dieser Zeit in der ohnehin nicht sehr gut besuchten Innenstadt etwas verwaist.
Vorher hatten sich hier noch einige mit heißem Essen und Getränken von der Volxküche Nordeifel gestärkt.
Diese hatte auch einen Solarkocher aufgestellt, eine Spende von Windenergie Nordeifel e.V.. In der Sonne funktionierte er auch sehr gut: Das Wasser kochte in kürzester Zeit.
Auch nach der Kundgebung verweilten dann noch einige TeilnehmerInnen länger am Info-Stand, stärkten und wärmten sich, andere kamen jetzt erst noch neu dazu, auch sie unterschrieben auf der Liste den Einspruch gegen das polnische Atomprogramm und versorgten sich mit Info-Materialien.

„Wir haben diesen Termin gewählt, weil die japanische Anti-Atom-Bewegung für diesen 11. Februar eine Großdemonstration in Tokio und weitere Protesten an AKW-Standorten plant“, erklärte Chris Weise von AntiAtom-Euskirchen. „Ganz bewusst finden diese Proteste in Japan nicht am 11. März, sondern einen Monat früher statt, denn im März wird dort die Trauer um die Opfer des Tsunamis im Mittelpunkt stehen und nicht die Atompolitik.“

Im März vergangenen Jahres havarierten drei Reaktorblöcke bei Fukushima

Über 100.000 Menschen wurden evakuiert, verloren ihre Heimat, Schätzungen zufolge bleiben mindestens 132 Quadratkilometer Fläche unbewohnbar. Und dennoch werden auch über den 20 km Evakuierungsring hinaus heute noch viel zu hohe Strahlungsbelastungen gemessen.
In Folge der Katastrophe soll zweimal mehr des gefährlichen Cäsium 137 in die Atmosphäre entwichen sein, als von den japanischen Behörden bisher geschätzt. Das wären etwa 40 Prozent jener Menge Cäsium 137, die bei der Tschernobyl-Katastrophe freigesetzt worden war.
Cäsium 137 hat eine Halbwertszeit von 30 Jahren und gilt als definitiv gesundheitsschädlich.

Und die Atomkatastrophe in Japan ist keineswegs unter Kontrolle

So stieg dieTemperatur in Reaktor 2 Anfang Februar um mehr als 20 Grad auf 72 Grad Celsius, der Betreiber Tepco hat dafür keine Erklärung.
Die Kühlflüssigkeitszufuhr wurde erhöht, Borsäure wurde in den Reaktor eingeleitet um Neutronen abzubremsen und spontane Kettenreaktione zu verhindern.
Mitte Januar war die radioaktive Strahlung auf dem AKW-Gelände um den Faktor sechs in die Höhe gesprungen. Nach Tepco-Angaben wurden 70 Millionen Becquerel freigesetzt, als Arbeiter Trümmer entfernten und dabei große Mengen strahlenden Staub aufwirbelten.

Die Mahnwache sollte die Verbundenheit mit den Protesten in Japan zeigen und gleichzeitig die hiesige Bevölkerung daran erinnern, dass auch in Deutschland noch neun gefährliche Atomkraftwerke in Betrieb sind – die meisten davon noch für zehn Jahre.
„Jeden Tag kann auch in einem deutschen AKW der Super-GAU eintreten“, so Weise. „Wir fordern, dass diese Reaktoren vor der Katastrophe abgeschaltet werden und nicht erst hinterher.“

Mit den Aktionen in ganz Deutschland wollte die Anti-Atom-Bewegung auch auf die nächsten großen Demonstrationen hinweisen:

Umweltverbände und örtliche Bürgerinitiativen rufen dazu auf, am Sonntag, den 11. März an sechs Atom-Standorten bundesweit auf die Straße zu gehen: an den Atomkraftwerken in Brokdorf, Gundremmingen und Neckarwestheim, der Urananreicherungsanlage Gronau, in Hannover und mit einer 77 Kilometer langen Lichterkette von Braunschweig über das marode Atommüll-Lager Asse bis zum Schacht Konrad in Salzgitter.

„Die Anti-Atom-Bewegung hat im letzten Jahr mit dem Aus für acht Reaktoren viel erreicht. Jetzt streiten wir für die noch ausstehende zweite Hälfte des Atomausstiegs“, erläuterte Weise.
Und weiter: „Angesichts der ungeheuren Gefahren, ist jeder weitere Tag, an dem die AKWs laufen, ein Tag zu viel. Deshalb fordern viele aus gutem Grund die sofortige Stilllegung aller Atomanlagen.
Doch auch wer z.B. einen Ausstieg bis 2016 anstrebt, kann und sollte gegen das jetzige Atomgesetz und die herrschende Politik mitdemonstrieren.
Den Druck aufrecht zu erhalten, ist allein schon deshalb wichtig, weil von interessierten Kreisen immer heftiger darüber nachgedacht wird, wie die nächste Abschaltung zu verhindern ist, wie der Ausstieg diskreditiert werden kann.
Und Fakt ist das Paradox: Obwohl sich im Sommer letzten Jahres in einer Umfrage 56% der Bevölkerung dafür ausgesprochen haben, das letzte AKW sofort oder bis spätestens 2016 vom Netz zu nehmen, schreiben die Mainstream-Medien dauernd, dass es einen breiten gesellschaftlichen Konsens in Sachen Atomausstieg gäbe und die AntiAtom-Bewegung sich durchgesetzt hätte.
In Wirklichkeit gab es nur einen breiten parteipolitischen Konsens im Bundestag, weil dort alle Fraktionen mit Ausnahme der Linken dem Weiterbetrieb von neun Reaktoren zugestimmt haben. Die meisten sollen demnach noch bis 2021/22 laufen.
Natürlich war es ein Erfolg, dass 8 AKW auf einen Schlag abgeschaltet wurden, aber es ist eben nur der halbe Ausstieg.
Der Konflikt um die weiteren 9 AKWs geht weiter. Auch um die Urananreicherung und damit die UAA in Gronau. Diese wurde sogar ganz ausgeklammert.
Zudem sollen AKWs im Ausland mit Bürgschaften gefördert werden, so z.B. Angra3 in Brasilien, mitten in einem Erdbebengebiet und an der Küste gelegen! Und weitere Anfragen gibt es bereits!
Hier meinen wir: Atomtod exportiert mensch nicht!

Gleichzeitig läuft eine Kampagne derjenigen Kräfte in der Energiewirtschaft, die an den alten Strukturen noch immer gutes Geld verdienen.
Sie lancieren Schauermärchen, um zu belegen, dass die Stilllegung der AKWs und der Ausbau erneuerbaren Energien mehr Nach- als Vorteile bringe und wollen so schon heute das Klima für die nächste Laufzeitverlängerungsdebatte anheizen.
Schon wird freudig erregt jeder einzelne Import von österreichischem Strom in Bayern registriert, der zwei mal gelaufen ist, um das Netz auf genügender Spannung zu halten. Was dabei jedoch beispielsweise unterschlagen wurde ist, dass es schon lange zur Stabilisierung einen Energieverbund über die nationalen Grenzen hinaus gab, solche Lieferungen schon immer Usus waren.
Zudem exportierte Deutschland in der selben Zeit eine ungleich größere Menge an Windenergiestrom aus Norddeutschland nach Italien. Diesen hätte man im Netz ab Stuttgart umleiten können nach Bayern. Der Erlös dieser Lieferung nach Italien war jedoch ungleich höher als die Ausgaben für den Import eines österreichischen Kraftwerks.
Und wer dauernd auf Frankreich verweist, von diesem müsste Deutschland evtl. Atomstrom importieren, weil dieser zuverlässiger sei: Am 8.Februar meldete Spiegel-online, dass Frankreich mit seinen 59 Reaktoren Strom aus Deutschland importiere, weil sie die Spitzenzeiten nicht auffangen können.
Spiegel-online schreibt: Teilweise muss Frankreich den Angaben zufolge derzeit mehr als 7000 Megawattstunden (MW) Strom pro Stunde importieren, um die Versorgung aufrechtzuerhalten. In Deutschland federe gerade am Mittag, wegen der starken Sonne, der häufig kritisierte Solarstrom die Verbrauchsspitzen ab. Zu manchen Zeiten exportiere Deutschland netto mehr als 3000 MW pro Stunde.
Bundesumweltminister Röttgen wird zitiert: Wir hatten in den letzten Tagen eine Kapazität von bis zu 10.000 Megawatt an Sonnenstrom, das entspricht der Leistung von rund zehn Kernkraftwerken, und bis zu 11.000 Megawatt Windstrom.
Und Hans-Josef Fell (Grüne) (ebd.): Frankreich gefährdet mit seiner atomlastigen Stromversorgung die europäische Energieversorgungssicherheit. . . .”

Dann wurde auf weitere Aktionen und Demos hingewiesen:

„Wir laden alle Menschen ein, am 11. März mit nach Gronau zu fahren.
Der Auftakt dort wird um 13 Uhr am Bahnhof sein, von da geht’s dann zur UAA zur Abschlusskundgebung.
Für alle mit der Bahn anreisenden werden wohl Shuttle-Busse für die Fahrt zurück zum Bahnhof eingesetzt.
Es kann und darf nicht sein, dass von hier etwa 10% des Weltmarktes für Brennstäbe bedient werden, Atomkraftwerke weltweit am Laufen gehalten werden. Auch die havarierten Fukushima-Reaktoren standen auf der Lieferliste.
Zudem bedingt diese Anlage viele höchstgefährliche Urantransporte, erfordert den tödlichen Uranabbau, der ganze Landstriche verwüstet und vergiftet und Menschen tötet. Und diese Anlage wird sogar noch ausgebaut!

Bereits in 2 Wochen, am Samstag 25. Februar gibt’s (zur Warnung an die drohenden Transporte von 152 Castoren von Jülich nach Ahaus) den Autobahn-Aktionstag unter dem Motto: „Dem Castor entgegen“.
Auftakt ist morgens um 9 Uhr am Atom-Zwischenlager Ahaus, von dort wird sich ein Konvoi über die Transportstrecke aufmachen zur Zwischenkundgebung in Duisburg.
Hier wird auch ein „Castor-Konvoi“ aus Bonn dazustoßen. Wir laden herzlich zum mitmachen/mitfahren ein! Infos und Kontakt bei uns oder direkt bei AntiAtom-Bonn.
Von Duisburg geht’s dann weiter zur Abschlusskundgebung in Jülich, um 15 Uhr auf dem Jülicher Markt.

Hintergrund sind die drohenden Autobahntransporte von 152 Castoren.
Quer durch NRW, vom Jülicher Forschungszentrum (früher Forschungsreaktor im Kernforschungszentrum, so der ursprüngliche Name) nach Ahaus ins dortige Atommüll-Zwischenlager.
Für das jetzige Lager in Jülich läuft 2013 die Genehmigung aus, das Ahauser Zwischenlager hat eine länger anhaltende Betriebsgenehmigung.
Beide Lager sind etwa gleich alt, beide gleich unsicher.
In Jülich wird z.Zt. fieberhaft gebaut um endlich den Schrottreaktor zu bergen und das darunterliegende hochkontaminierte Erdreich „sichern“ zu können (Jülich und das Rheinland entging damals nur äußerst knapp einer großen atomaren Katastrophe). Der Abbau dieses alten Kugelhaufenreaktors entpuppt(e) sich jedoch als Pionierarbeit mit entsprechenden Kosten.
Einen Neubau bzw. Modernisierung des Zwischenlagers für seinen Atommüll möchte sich das Forschungszentrum jedoch ersparen, zudem befürchtet es durch diese Altlasten wohl Image-Probleme und möchte diese deshalb schnellstmöglich los werden.

Die angekündigten (auch bundesweiten) Proteste scheinen aktuellst Wirkung zu zeigen. Eine evtl. Absage der Transporte scheint plötzlich wieder möglich.
Dafür muss der Druck der AntiAtom-Bewegung jedoch hoch bleiben, zudem glauben wir aus Erfahrung nur noch an feststehende Einigungen, Beschlüsse, Fakten. Zumal Bundes- und Landesregierung sich den Ball gegenseitig zu- und zurückspielen (Beschwichtigungspolitik?).

Und Ostern gibt´s dann wieder, wie seit über 50 Jahren, die bundesweiten Ostermärsche. Friedensbewegung und AntiAtom-Bewegung arbeiten eng zusammen, sind doch die militärische und die sogenannte „friedliche“ Nutzung der Atomenergie von Anfang an eng miteinander verflochten. Das eine gäbe es nicht ohne das andere.
So findet beispielsweise der AntiAtom-Ostermarsch NRW am Ostermontag in Jülich statt.

Und noch ein Hinweis: Im Rahmen der Aktion Gorleben 365 fährt AntiAtom-Bonn am 20. – 22. April nach Gorleben um ein wenig Sand im Getriebe des noch immer weiter laufenden Ausbaus des dortigen Salzstocks zu sein. Auch dazu laden wir herzlich ein.
Wer nicht mitfahren kann oder möchte, kann sich dennoch an einem riesigen gestrickten X beteiligen. Einfach ein rechteckiges oder quadratische Stück für ein riesiges X stricken und uns mitgeben oder an AntiAtom-Bonn schicken. Gelb, Breite 30 cm.“
(Text u. Rede [-Auszüge] mit Material von .ausgestrahlt)

Kurz nach 14 Uhr hatte das „der Kälte trotzen“ ein Ende, der Infostand wurde abgebaut, alle freuten sich darauf, ins Warme zu kommen. . .
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